Vertiefende
Ausarbeitung zu dem
Orientierungspraktikum
Inhaltsverzeichnis:
A.
Einleitung
Konfrontation
mit dem Phänomen der Lese- Rechtschreibschwäche im
Orientierungspraktikum
S. 4
B.
Hauptteil
I.
Unterschiedliche Positionen zum Phänomen der LRS
1.
LRS als spezifische Teilleistungsstörung
S. 7
2.
Der Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess
S. 10
II.
Konsequenzen für den Unterricht
1.
Berücksichtigung unterschiedlicher
S. 12
Voraussetzungen und Vorerfahrungen
2.
Typische Probleme beim
S. 13
Schriftspracherwerbsprozess
3.
Diagnostik des individuellen Entwicklungsstandes
S. 16
4.
Visuelle und auditive Analysefähigkeit als
Voraussetzung zur Entwicklung der Schreibfähigkeit S.
18
C.
Resümee
S.
21
Literaturverzeichnis
S. 23
Lese-
Rechtschreibschwäche -
Sind
aufkommende Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb eines Kindes
bereits erste Anzeichen einer „Teilleistungsstörung“ und wie kann
der/die Lehrer/in ihr vorbeugen?
A.
Einleitung
Konfrontation
mit dem Phänomen der Lese- Rechtschreibschwäche
im
Orientierungspraktikum
Mein
vierwöchiges Orientierungspraktikum verbrachte ich vom 21. 02. 1999 bis
zum 17. 3. 2000 in der Grundschule Rothenstein in Meinerzhagen. Dabei
hatte ich die Möglichkeit erste praktische Erfahrungen über
Unterrichtsmethoden zu sammeln und besonders viele und unterschiedliche
Kindern kennen zu lernen. Dieser Bericht enthält teilweise
Aufzeichnungen aus meinem Orientierungspraktikum, die ich nicht weiter
gekennzeichnet habe, da sie sich mit meinen Erinnerungen überschneiden
und decken.
Ich
habe sehr lange überlegt mich als Laie schon an das viel diskutierte
Problem und Streitthema der Lese- Rechtschreibschwäche heranzuwagen.
Einige Dozenten empfahlen uns sich erst später - mit mehr
praktischer Erfahrung - mit diesem komplexen Thema auseinander zu
setzen. Da ich jedoch Schwierigkeiten beim Lesen- und
Rechtschreibenlernen als sehr ernst und wichtig empfinde, habe ich
beschlossen meine Vertiefung diesem Thema zu widmen. Insbesondere auf
die Förderung von Kindern mit einer Lese- Rechtschreibschwäche - die
als besonders wichtig auffasse - möchte ich daher ausführlicher
eingehen. Zunächst möchte ich versuchen, meine erste Begegnung mit dem
Phänomen der Lese- Rechtschreibschwäche, meine Unwissenheit und die
damit verbundene Hilflosigkeit, zu skizzieren.
Die
vier Wochen meines Praktikums verbrachte ich hauptsächlich in einem
ersten Schuljahr. Meine Mentorin, eine noch junge Lehrperson,
bereicherte ihren Anfangsunterricht mit Elementen des „Offenen
Unterrichtes“, was mir die Möglichkeit gab meine Aufmerksamkeit auf
einige „besondere“ Kinder zu richten. Bei einem Kinde bemerkte ich,
dass er mehr Schwächen beim Lesen und Schreiben hatte als die anderen
Kinder. Auf dieses Kind werde ich im folgenden eingehen.
Um
7: 40 Uhr ist in der Regel Schulbeginn. Es ging jedoch nicht direkt mit
der üblichen Begrüßung der Lehrerin los, sondern mit der Arbeit am
Wochenplan. Jedes Kind suchte sich selbstständig Arbeit vom Wochenplan
aus. Dies waren meist 10 Blätter mit unterschiedlichen Aufgaben und
Schwierigkeitsgraden. Somit hatte ich die Möglichkeit durch die Klasse
zu gehen und Kindern zu helfen bzw. ihnen zuzu- schauen. So fiel mir Ken
schon zu Beginn meiner Praktikumzeit auf. Er war sehr lebhaft im
Unterricht, unkonzentriert und ließ sich sehr leicht und gern
ablenken. Damit er und andere besser arbeiten konnten, bekam er einen
Einzeltisch zugewiesen. Ich spürte sofort, dass er eine gewisse
Antipathie gegen Lehrkräfte besaß. Er war niemand, der ungezwungen auf
Lehrer zuging um mit ihnen zu spielen etc. Vielmehr kam es mir so vor,
als ob er denke ihm wollten alle etwas Böses. Seine Schulaufgaben
erledigte er meist nur äußerst widerwillig und oft sehr unsorgfältig.
Sein Ziel war so schnell wie möglich mit seiner Arbeit fertig zu werden
um wieder mit den anderen spielen zu können. Dadurch schlichen sich natürlich
weitere Fehler ein, die er dann nur verärgert und grantig korrigierte.
Oftmals vertauschte er Buchstaben und/oder schrieb einen Buchstaben bzw.
eine Zahl verkehrt herum auf. Wenn ich ihn jedoch fragte, ob ihm an dem
Buchstaben/ der Zahl nicht etwas auffalle, bemerkte er meist seine
Fehler. Es fiel auf, dass er total unmotiviert wurde, sobald es darum
ging etwas zu machen, was ihm nicht unbedingt gefiel. Dann erledigte Ken
seine Arbeit oberflächlich und mit einer gewissen Gleichgültigkeit.
Am
direkten Schulunterricht, und das merkte ich sofort, hatte er nur wenig
Spaß. Dennoch war er nicht unbeliebt in seiner Klasse und so kam es,
dass er ständig durch die Klasse lief um sich und andere abzulenken, da
er ja, wenn er Probleme mit einer Aufgabe hatte, an seiner Arbeit keinen
Gefallen fand. Es kam mir so vor, als könne er keine 10 Minuten lang
stillsitzen und sich konzentrieren. Wollte man seine Aufgaben
nachschauen, versuchte er sie manchmal unter dem Tisch zu verstecken, da
er ganz genau wusste, dass sie nicht so waren, wie sie eigentlich sein
sollten.
Es
hatte eindeutig den Anschein, dass er noch mit vielen Aufgaben überfordert
war. Dies verärgerte ihn und daher wollte er lieber spielen bzw. Dinge
machen, die er schon konnte und die ihm auch Spaß machten. Als wir das
Thema Dinosaurier besprachen, war Ken voll bei der Sache und sehr
interessiert. Setzte ich mich z. B. neben Ken während des Erzählkreises,
weil aus seiner Ecke wieder einmal Lärm kam, so war er direkt
eingeschnappt und wurde unwillig, indem er sich von mir wegdrehte und
sich einfach nicht mehr an der Diskussionsrunde beteiligte. Dies
hielt jedoch meist nicht allzu lange an. Seine Stimmung wechselte
sprunghaft, sobald wieder etwas Witziges gesagt oder getan wurde. Weiter
hatte ich gelegentlich die Zeit mit jeweils einem Kind vor die Tür zu
gehen um lesen zu üben. Dazu sollte ich den Schreiblehrgang der Tobi-
Fibel benutzen. Zunächst war ich über Kens gute Lesekenntnisse
erstaunt und überrascht. Die Wörter auf den ersten 5 Seiten las er
fließend und ohne große Mühe. Erst später fiel mir auf, dass er sich
nur die Wortgestalt bzw. das Bild neben dem Wort gemerkt hatte und daher
schon so gut lesen konnte. Als ich ihn nämlich ein unbekanntes Wort
lesen lassen wollte, hatte er sehr große Mühe damit es zu erlesen.
Jetzt erst fiel mir auf, dass er sich doch noch stark auf den
technischen Prozess des lautierenden Erlesens konzentrieren musste. Wie
andere Kinder übrigens auch las er dann nur sehr langsam, unsicher,
stockend und machte trotz der Langsamkeit viele Fehler beim Vorlesen
unbekannter Wörter. Weiter wurden gelegentlich ganze Wörter durch lautähnliche
Wörter oder solche mit gleicher Bedeutung ersetzt bzw. viele Wörter
wurden falsch ergänzt oder schlicht geraten. Mir fiel langsam auf, dass
ihm (anderen Kindern übrigens auch) viele Buchstaben und deren exakte
Funktionen noch nicht bewusst geworden waren. Natürlich merkte Ken,
dass er große Probleme beim Lesen hatte und fragte mich oft, „warum
er denn überhaupt lesen müsse.“ Ich merkte schon nach kurzer Zeit,
dass Ken frustriert wurde und somit auch innerlich abblockte. Meine
Mentorin waren Kens Schwächen schon bekannt, aber sie meinte,
dass ich mir keine Sorgen machen müsste, sondern ihm lediglich mehr
Zeit geben solle. Dennoch fühlte ich mich, während ich mit ihm
arbeitete, in einer gewissen Weise hilflos, da ich einfach nicht wusste,
wie ich ein Kind wie Ken bestmöglich- ohne ihm den Spaß an der
Schriftsprache zu nehmen- zu einem kompetenten Leser heranbilden
kann. Somit gab es für mich am Ende meines
Orientierungspraktikums eine Menge ungeklärter Fragen ...
B. Hauptteil
I.
Unterschiedliche Positionen zum Phänomen der LRS
1.
LRS als spezifische Teilleistungsstörung
Aufgrund
der Erfahrungen, die ich in meinem Orientierungspraktikum mit Ken
gemacht hatte, stand für mich die Frage im Mittelpunkt, wie man von
Lese- Rechtschreibschwäche (LRS) betroffenen Kindern und
Erwachsenen helfen kann.
Die
Lese- Rechtschreibschwäche ist bis heute ein viel diskutiertes Thema,
bei dem es die unterschiedlichsten Ansichten und Positionen gibt. Daher
ist es besonders schwer für einen Studienanfänger wie mich sich auf
dieses Thema einzulassen. Somit habe ich beschlossen zunächst zwei
aktuelle Artikel zu analysieren und in Beziehung zu- einander zu setzen.
Beide vertreten unterschiedliche Auffassungen zum Phänomen der LRS.
Beginnen möchte ich mich dem Bericht von Werner Wiater aus der
Zeitschrift Lernchancen 9/1999.
Er geht davon aus, dass es viele Formen und Ursachen von Lese-
Rechtschreibschwierigkeiten gibt und geht von einer spezifischen
Teilleistungsstörung aus, „für die der Begriff „Legasthenie“
angebracht sei.“
Um möglichst frühzeitig der LRS vorbeugen zu können, gibt es
verschiedene Anzeichen und Indizien, die auf eine Lese- Rechtschreibschwäche
hindeuten:
-
„Im Bereich des
Sehens und visuellen Verarbeitens:
Optisch
ähnliche Buchstaben wie b- d-, m- n, b- p, m- w werden verwechselt,
vergessen oder vertauscht;
Buchstabenreihen
und Zahlenreihen sagen fällt schwer;
Wörter
oder Zeilen werden beim Lesen und Schreiben ausgelassen oder vertauscht;
Buchstaben
und Zahlen bewegen sich in der inneren Anschauung zu allen Seiten,
werden in der Form größer und kleiner.
-
Im Bereich des Hörens
und der akustisch- phonologischen Verarbeitung;
Wörter
richtig hersagen, bereitet Schwierigkeiten;
es
werden Laute gehört, die nicht da sind, oder gesprochene Laute falsch
aufgenommen;
Töne
werden in der Lautstärke nicht richtig erfasst ( zu laut, zu leise );
konzentriertes
Zuhören fällt schwer.
-
Im Bereich des Gleichgewichts und der Motorik
Beim
Lesen entstehen Schwindelgefühle und Übelkeit;
still
zu sitzen fällt schwer;
die
Handschrift ist unregelmäßig und teilweise unleserlich;
es
bestehen Schwierigkeiten beim Koordinieren der Hände, beim
Gleichgewichthalten und Rückwärts/- laufen.
-
Im Bereich des
Zeitempfindens
Das
allgemeine Verhalten wirkt hyperaktiv ( Zappelphilipp );
das
Lesen und Realisieren der Zeit fällt schwer;
Reihenfolgen
werden nicht klar erfasst;
Gedankengänge
kontinuierlich zu verfolgen bereitet Schwierigkeiten.“
Somit
spiegelten sich im Anfangsunterricht entsprechende Auffälligkeiten der
Kinder wider, die auf eine Lese- Rechtschreibschwäche zurückzuführen
sein können:
-
Kinder haben Schwierigkeiten mit der Verinnerlichung der Graphem-
Phonem- Korrespondenz; sie haben also noch keine konkrete Beziehung von
Lauten zu Buchstaben;
-
Kinder sind unsicher, welchen Lautwert ein bestimmter Buchstabe
hat, „g“ und „k“ werden z. B. als „ch“ geschrieben oder „Fuchs“wird
zu „Fusch“
-
Kinder haben Schwierigkeiten, die Wörter beim Schreiben
phonetisch durch zu strukturieren und jedem Phonem ein passendes Graphem
zuzuordnen; z.B „Brder“ statt „Bruder“
-
Kinder gehen beim Schreiben oft nach phonetischen Regeln vor;
orientieren sich also weitestgehend an ihrer Aussprache
-
Kinder achten beim Schreiben vorwiegend auf Konsonanten und
lassen Vokale noch aus, (Konsonanten hören sie deutlicher als Vokale)
-
Kinder haben Probleme die Buchstabenanreihung in einem Wort
gleich richtig zu gliedern und flüssig von links nach rechts
auszusprechen, ihre Aufmerksamkeit ist noch auf den technischen Prozess
des lautierenden Erlesens gerichtet ohne von diesem Lautgebilde
den Sprung zur Sinnbedeutung zu schaffen, z. B. „Bbbaaaauuuummm“;
-
Kinder haben Probleme sich kurze Wortbilder, wie „in“,
„aus“, „und“, „der“ bewusst zu merken, um sie dann
automatisiert anwenden zu können, also müssen sie jedes Mal neu
Buchstabe für Buchstabe wieder erlesen;
-
Kinder versuchen sich oft die Wortgestalt eines Wortes zu merken
bzw. orientieren sie sich auch am Kontext und raten einzelne Wörter,
statt sie zu erlesen
-
Kinder verwechseln optisch ähnlich aussehende Buchstaben wie b
– d, m – n, b – p oder schreiben
Zahlen verkehrt herum ( s. auch Ken );
-
Kinder sind unsicher, wie sie die Wortendungen richtig zu
schreiben haben.
Diese
Probleme und Schwierigkeiten der Kinder sind nach Wiater erste, frühzeitige
Anzeichen für eine mögliche Lese- Rechtschreibschwäche. Bei genauem
Beobachten der Kinder könne so eine LRS diagnostiziert werden und
rechtzeitig behoben werden. Wiater beharrt also auf dem „Legasthenie-
Konzept“, welches schwächeren und somit auch langsameren Lernen
qualitativ besondere Eigenschaften (z.B. spezifische Teilleistungsschwächen)
zuschreibt. „Mit dem Verschwinden des Begriffs Legasthenie ist leider
nicht auch das Phänomen dieser spezifischen besonderen Förderung bedürftigen
Teilleistungsstörung im Lesen und Rechtschreiben verschwunden.“
2.
Der Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess
Hingegen
gibt es auch andere Ansichten und Meinungen über das Phänomen der
Lese- Rechtschreibschwäche. Erika Brinkmann geht nicht von
Teilleistungsstörungen eines Kindes aus, welches Probleme beim Lesen
und Schreiben hat, sondern zunächst vom Erwerb vier grundlegender
Einsichten beim Schriftspracherwerb, welche in den letzen zwanzig Jahren
durch gezielte Beobachtungen von Kindern gemacht wurden.
1.
„Die Kinder müssen verstehen, dass Schrift Bedeutung trägt
und diese Bedeutung durch Schrift fixiert wird- d.h. der Inhalt bleibt
gleich, auch wenn die ( vor-)lesende Person wechselt.
2.
Die Kinder müssen verstehen, dass die Schrift an ein ganz
bestimmtes Zeicheninventar und an bestimmte Konventionen gebunden ist -
d. h. die Bedeutung von Wörtern ist abhängig von einer ganz bestimmten
Abfolge ganz bestimmter Zeichen ( z. B. keine Zahlen! ) in einer
verabredeten Richtung, und auch die Raumlage der einzelnen Zeichen ist
von Bedeutung.
3.
Die Kinder müssen verstehen, dass unsere Schrift keine
Begriffsschrift, sondern eine Alphabetschrift ist – d. h. es reicht
nicht aus, sich einzelne Wörter komplett zu merken wie z.B. den eigenen
Namen, den viele Kinder bereits im Vorschulalter auswendig aufschreiben
und auch zwischen anderen Wörtern wiederfinden können, sondern sie müssen
begreifen, dass die Schrift die gesprochene Sprache abbildet. Wenn
Kinder diese Einsicht gewonnen haben, realisieren sie diese in der Regel
in dieser Abfolge: erste Laute werden abgebildet,
„Skelettschreibungen“ entstehen ( häufig nur aus Konsonanten wie z.
B.: „LKMTV“ für „Lokomotive“), die eigene Aussprache wird genau
( oft auch übergenau ) abgebildet ( „FEAT“ für Pferd“, „TOBIJAS“
für Tobias“ )
4.
Sie müssen verstehen, dass die Schrift orthografischen Normen
unterliegt. Neben dem alphabetischen Prinzip gibt es noch ganz bestimmte
Verabredungen, wie einzelne Wörter geschrieben werden müssen: Es gibt
bestimmte Schreibweisen/Rechtschreibmuster, die man nicht durch das
genaue Abhören des Wortes erschließen kann wie z. B. das „Dehnungs-
H“. In der Orthografie gilt das „Stammprinzip“: Die
Ableitung aus der Wortverwandtschaft hilft ( meistens ), die richtige
Schreibweise zu finden. Das Zeicheninventar ist begrenzt- nicht für
jeden Sprechlaut gibt es ein eigenes Zeichen: Durch die Kombination von
Einzelzeichen wird das Inventar erweitert
( mehrgliedrige Grapheme wie z.B. ch, sch, eu, au, äu, ah, ee, tt,...).
Aber: unterschiedliche Sprechlaute werden manchmal auch durch gleiche
Zeichen (- kombinationen ) dargestellt ( z.B. / x / und / j / durch <ch>
wie in „ach“ und „ich“) und ein Sprechlaut kann durch
unterschiedliche Zeichen repräsentiert sein wie z. B. der Laut / f /
durch die Zeichen <f> und <v>“.
–

Sobald
Kinder diese grundlegenden Einsichten zum Schriftspracherwerb gewonnen
bzw. erkannt haben, nutzen sie auch diese Erkenntnisse und wenden sie
an. Fehler sind hierbei jedoch unvermeidlich. Sie sind vielmehr Ausdruck
der Hypothesen über das Regelsystem der deutschen Orthografie, die
Kinder selbstständig aufstellen und testen, gegebenenfalls verwerfen
oder revidieren. Rechtschreibfehler sind daher eine diagnostische
Herausforderung, um den Lernweg der Kinder zu rekonstruieren und auf der
Basis der schon erfassten Strategien der jeweiligen Entwicklungsstufe
ihnen angemessene Förderangebote zu machen.
II.
Konsequenzen für den Unterricht
1.
Berücksichtigung unterschiedlicher Voraussetzungen und Vorerfahrungen
Am
Schulanfang sind die Kinder in diesem Prozess jedoch unterschiedlich
weit fortgeschritten. Die Schulkinder bringen sehr unterschiedliches
Vorwissen mit in den Anfangsunterricht. Dies spiegelt sich auch deutlich
in meinen Erfahrungen während des Orientierungspraktikums wieder. Während
einige wenige Kinder schon eine sehr ausgeprägte Vorstellung, wie
Schrift aufgebaut ist und wozu sie im Alltag dient, mit in die Schule
brachten, waren andere Kinder kaum in der Lage einen Stift „korrekt“
zu halten und zeigten auch nur wenig Interesse an der Schriftsprache.
„Grundsätzlich findet das Rechtschreiblernen in allen Lese- und
Schreibsituationen statt und hat bei den meisten Kindern längst vor der
Schule begonnen. Denn fast alle Kinder bringen schon
Schrift(vor)erfahrungen mit in die Schule – einzelne können schon
lesen und schreiben, viele kennen schon eine ganze Menge Buchstaben (12
– 15 im Schnitt) und können ihren Namen schreiben, andere haben sich
vor der Schule noch gar nicht mit Schrift beschäftigt. Diese
gravierenden Unterschiede zwischen den Kindern, die drei bis vier
Entwicklungsjahren entsprechen, bleiben über die gesamte Grundschulzeit
hinweg erhalten, sie lassen sich offensichtlich durch Unterricht nicht
nivellieren.“
Auch ihre kognitive Ausstattung, d. h. ihre Art zu lernen sowie ihr
jeweiliges Lerntempo differieren unterschiedlich stark. „Es ist
normal, dass Menschen etwas unterschiedlich gut können – beim Sport
zum Beispiel findet es niemand ungewöhnlich, dass einige Kinder (und
ebenso Erwachsene) besser und schneller laufen können als andere, oder
den Ball geschickter und weiter werfen. Keiner würde auf die Idee
kommen, hier Teilleistungsstörungen zu vermuten!“
Es sollte also gefragt
werden, ob unterschiedliche Leistungen in verschiedenen Bereichen
wirklich so verwunderlich sind. Es
ist völlig üblich, dass die Unterschiede in einer Klasse bis zu drei
bis vier (Entwicklungs-) Jahren betragen können. Allerdings können
nicht bei allen Kindern in der Schule solche Fehler beobachtet werden,
weil manche Kinder bereits über diese Entwicklungsstadien hinaus sind
und sie Fehler solcher Art bereits vor der Schule gemacht haben.
Insofern ist es nicht falsch zu behaupten, dass alle Kinder
„Legastheniker“ sind bzw. eine „Lese- Rechtschreibschwäche“
haben bzw. gehabt haben.
2.
Typische Probleme beim Schriftspracherwerbsprozess
Diese
unterschiedlichen Voraussetzungen und Vorerfahrungen spiegeln sich im
Anfangsunterricht und z. T. auch in den folgenden Schuljahren durch
folgende „Probleme“ wider, die dort zu beobachten sind:
·„Die
Kinder haben das Lautprinzip der Schrift noch nicht entdeckt,
stellen also keine Beziehung zwischen der Laut- und der Buchstabenkette
her.
·
Sie sind noch unsicher, welchen Lautwert ein bestimmter Buchstabe hat.
·
Sie haben Schwierigkeiten, die Wörter beim Schreiben lautlich
durchzugliedern und jedem Phonem ein passendes Graphem zuzuordnen und
bleiben häufig bei einer unvollständigen Darstellung wie „GRTEN“
statt „Garten“.
·Sie
orientieren sich beim Schreiben an ihrer Aussprache, achten dabei nur
auf die Konsonanten und lassen die Vokale beim Schreiben (noch) aus
(weil sie nur die Konsonanten im Mund beim Sprechen deutlich spüren).
·Sie
orientieren sich überwiegend an der alphabetischen Strategie, und wenn
sie orthografische Elemente verwenden, stehen diese oft dort, wo sie
nicht hingehören (sie Schreiben „gebelk“ statt „Gebälk“ und
„er velt hihn“ statt „er fällt hin“).
·
Sie haben Schwierigkeiten mit Konsonantenhäufungen (weil sich diese
lautlich schwer gliedern lassen).
·
Optisch ähnliche Buchstaben wie b/d, m/n, b/p oder m/w werden
verwechselt.
·
Sie haben Schwierigkeiten beim Lesen das Wort gleich richtig
auszusprechen und lautieren dann z.B. „Rrroooossseee“, ohne von
diesem Lautgebilde aus den kreativen Sprung hin zur Wortbedeutung zu
schaffen (weil ihre ganze Aufmerksamkeit noch auf den technischen
Prozess des lautierenden Erlesens gerichtet ist).
·
Häufig orientieren sich die Kinder auch am Kontext und raten einzelne Wörter,
statt sie zu erlesen (weil das lautierende Erlesen so merkwürdige
Lautgebilde ergibt (s.o. Rose), das Wort beim Raten aber gleich korrekt
ausgesprochen wird).
·
Auch die kleinen Wörter wie „in“, „an“, „und“, „der“,
„dann“ usw. konstruieren sie beim Schreiben bzw. lautieren sie beim
Lesen immer wieder Buchstabe für Buchstabe, statt sich diese häufigen
Wörter bewusst zu merken, um sie dann automatisiert verwenden zu können
(dafür wäre es allerdings erforderlich, ständig zwischen zwei
Strategien hin und her zu switchen, was immer erst dann funktioniert,
wenn man diese wirklich beherrscht und nicht mehr erst am Beginn des
Lernprozesses steht).
·
Sie haben Schwierigkeiten mit Wörtern, die fünf oder mehr Silben haben
(weil unser Kurzzeitgedächnis nur fünf bis sieben Einheiten auf einmal
verarbeiten kann)“
Diese Probleme der
Kinder haben alle etwas mit dem Schriftspracherwerbsprozess, der
spezifischen Struktur der deutschen Orthografie und der besonderen
Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu tun und sind somit völlig
alltäglich. Die deutsche Rechtschreibung folgt unterschiedlichen
Prinzipien. Daraus ergeben sich für eine normgerechte Schreibung der Wörter
eine große Zahl von und z. T. verworrene Regelungen. Ihr
Geltungsbereich ist oft unterschiedlich groß und nur von geringfügiger
Reichweite. Aus diesem Grund haben die Schüler nur begründete
Vermutungen und keine sicheren Schlüsse darüber, wie ein noch
unvertrautes Wort richtig geschrieben wird. „In den Klassen 1 und 2
ist der Bereich Rechtschreiben besonders eng verbunden mit dem Erlernen
des Lesens und Schreibens. Dabei steht das Erfassen der elementaren
Laut- Buchstabe- Beziehung und deren einfache Abweichungen im
Vordergrund des Rechtschreibeunterrichts.“
Dennoch spricht Werner Wiater bei genau diesen oben genannten Merkmalen
bereits von ersten Anzeichen einer „Legasthenie“ oder einer ähnlichen
„Störung“. Dabei sind diese Schwierigkeiten beim
Schriftspracherwerb kennzeichnend für die einzelnen Entwicklungsstufen
beim Schriftspracherwerb der Grundschulkinder und keinesfalls erste
Anzeichen einer „Störung“ der Kinder. Vielmehr gehen Kinder beim
Lesen- und Schreibenlernen mit der Sprache schöpferisch und kreativ um.
Dabei aufkommende Schwierigkeiten bzw. Fehler sind demnach als Ergebnis
einer sprachanalytischen Tätigkeit des Kindes zu sehen und geben
Aufschluss darüber, auf welchem Lern- bzw. Entwicklungsstand sich ein
Kind befindet. Es ist also wichtig für den/die LehrerIn herauszufinden,
auf welchem Entwicklungsstand sich ein Kind befindet um so möglichst
optimale Lernhilfen beim Schriftspracherwerb anbieten zu können. Es ist
also vielmehr ein Entwicklungsproblem, bei dem die Fehler nur zeitlich
nach hinten verschoben auftreten, da ja auch schon fähige Leser/innen
genau die selben Fehler einmal gemacht hatten. Weiter lässt sich diese
jeweils unterschiedliche Entwicklungszeit der Kinder von der ersten
bewussten Konfrontation mit der Schrift bis zu ihrem kompetenten
Gebrauch nicht beliebig verkürzen. „Eine zahlenmäßig sehr kleine
Gruppe, die „extrem Schwachen“, haben aber auch zu diesem Zeitpunkt
erst so geringe Lese- und Schreibfähigkeiten erworben, dass sie
noch nicht in der Lage sind, Schrift funktional zu nutzen. Hier besteht
die Gefahr, dass diese Kinder – ohne eine gezielte Förderung-
funktionale Analphabeten werden ( oder bleiben)“
3.
Diagnostik des individuellen Entwicklungsstandes
Somit wurde deutlich,
dass eine unspezifische, für alle Kinder gleiche Förderung –
besonders mit Lese- Rechtschreibschwierigkeiten- ihnen nicht gerecht
sein wird. Als angehender Lehrer ist nun für mich interessant, wie man
Kindern mit Lese- Rechtschreibschwierigkeiten bestmöglich helfen und
sie unterstützen kann. Da ja nun bis zu „drei Jahren Unterschied in
der Entwickeltheit der Schulkinder über die Vorstellungen von Schrift
liegen, lassen Gleichschritt durch eine Einheitsfibel als denkbar ungünstigste
Lernform für Schulanfänger erscheinen“.
Aus diesem Grund kann der Lehrgang für einige Kinder eine
Unterforderung bedeuten, da sie schon (- häufig auch aufgrund des
familiären Umfelds -) über ein (für ihr Alter) beachtliches Maß
an Schriftspracherfahrung verfügen. (Gelegentlich gibt es sogar Kinder,
die schon recht gut lesen können, wenn sie in die Schule kommen.)
Andere Kinder hingegen sind stark überfordert, da diese Art des
Lesenlernens für den Stand ihrer geistigen Entwicklung zu schnell und
komplex ist. Gerade Kinder mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten lernen -
nach BRÜGELMANN - nicht prinzipiell anders, sondern sie brauchen
lediglich mehr Zeit, vielfältigere Aufgaben und stärkere Zuwendung.
Dies bedeutet also die Entscheidung für einen Unterricht, in dem nicht
mehr das gleichmäßige Fortschreiten aller Kinder das äußere
Erscheinungsbild des Schulunterrichts bestimmt, sondern die
individuelle, sehr stark selbstbestimmte Arbeit an unterschiedlichen
Materialien und Büchern mit verschieden stark verlaufenden
Lernfortschritten. Doch dass Kinder mit unterschiedlichen
Lernvoraussetzungen in die Schule kommen, sollte jeder/m Lehrer/in klar
sein. „Jeder Lehrerin, jedem Lehrer ist bewusst, dass die sprachlichen
Fähigkeiten eines Kindes ( z. B. Wortschatz, die Menge der beherrschten
Satzmuster, die grammatische Sicherheit sich auf dessen
Lernprozess auswirken. Bekannt ist auch, dass die Fähigkeit, Zeichen zu
unterscheiden, das visuelle Differierungsvermögen also, und die
Fähigkeit Laute in Wörtern wahrzunehmen, die Analysefähigkeit im auditiven
Bereich unterschiedlich weit ausgeprägt sind.
Beide Fähigkeiten können als Voraussetzung zum Lesen- und
Schreibenlernen angesehen werden, die einige Schüler bereits
mitbringen, während andere Kinder sie noch erwerben müssen. Daher ist
es unbedingt erforderlich die individuelle Lernausgangslage der Kinder
zu berücksichtigen, da sonst schon eine Ursache möglicher Entstehung
einer Lese- Rechtschreibschwäche gegeben ist. Dennoch ergaben
Beobachtungen an Kindern,
dass sie im visuellen Bereich deutlich besser abschneiden, als sie es im
auditiven Bereichen tun.

Dies
ist so zu begründen, da Kinder Sprache fast ausschließlich unter
dem kommunikativen Aspekt benutzen, d. h. der Inhalt ist hier von
Bedeutung.
4.
Visuelle und auditive Analysefähigkeit als Voraussetzung zur
Entwicklung der Schreibfähigkeit
Beim
Lesen- und Schreiben- lernen wird den Schulkindern oft erst die
abstrakte Dimension von Sprache bewusst. Es stellt somit einen
gewaltigen geistigen Sprung dar, sich von dem konkret Gemeinten zu lösen
und auf Laute zu achten. Bereits die Lautform des Wortes, die in der
mündlichen Sprache automatisch ohne Zergliederung in einzelne Laute
ausgesprochen wird, verlangt beim Schreiben ein Buchstabieren, eine
Zergliederung. Erschwerend für Kinder kommt weiter hinzu:
-
„Laute sind flüchtig ( man kann sie im Gegensatz zu Buchstaben
nicht anfassen, nicht mit dem Finger darauf zeigen);
-
Laute treten im Wort nicht einzeln auf, im Gegensatz zu Buchstaben,
die ( zumindest bei
der Druckschrift) deutlich voneinander abgegrenzt sind;
-
der gleiche Laut klingt je nach Stellung im Wort unterschiedlich
(das „sch“ in „schieben“ klingt anders als das „Sch“ in
„Schule“, weil die Lippenstellung des folgenden Vokals bereits
die Aussprache des „sch“ beeinflusst);
-
die Laute sind unterschiedlich leicht abzuhören ( so können z. B.
die Verschlusslaute (Plosive) b- p, d- t, g- k nicht gedehnt
gesprochen werden. Andererseits sind Laut- Bildungsteilen deutlich
spürbar, was wiederum für Vokale nicht gilt;
-
das Gehör von Erwachsenen ist in gewisser Weise durch unsere
Buchstabenkenntnis verbildet. Wir glauben zu hören, was wir
geschrieben haben. Das „O“ in „Ofen“ und „offen“ ist
unterschiedlich, nicht etwa der „f- Laut“. Das „ch“ in
„nach“ ist dem „R- Laut“ viel ähnlicher als dem „ch“,
wir empfinden das anders.“
Diese
Übersicht soll veranschaulichen, dass Kinder zu Beginn des Lese-
und Rechtschreibeunterrichts oft noch nicht fähig sind, ein Wort
auf seine Laute hin abzuhören und diese auch der korrekten Stellung
im Wort zuzuweisen. Es sind also meist keine Wahrnehmungs- Defizite,
die den Schriftspracherwerb blockieren, sondern die noch
fehlende Fähigkeit zur Analyse der gesprochenen Sprache und der
Erforschung der Zuordnungsregeln zur geschriebenen Sprache. Dennoch
wird gerade dieses auditive Diskriminierungsvermögen in sehr vielen
Leselehrgängen bereits vorausgesetzt.
Das besondere Augenmerk sollte daher auf den Kindern liegen, die
noch nicht so viel Schrift- Vorerfahrung mit in die Schule bringen
und/oder zu den langsamer lernenden Kindern gehören, denn dies sind
beim Rechtschreibenlernen in der Regel die Sorgenkinder, die anderen
lernen es meist auch selbständig vom Unterricht.
Um die Fähigkeit zur
auditiven Analyse im Anfangsunterricht zu trainieren, sollten
die Kinder sich von Anfang an auch Wörter mit Hilfe einer
Anlauttabelle lautierend erschreiben, anstatt des Schreibens nur
nach Vorgabe. Das können die Kinder mit wenig Schrift- Vorerfahrung
jedoch nicht sofort. Daher sollte mit viel Geduld und vorsichtiger
Handreichung diesen Kindern der Zusammenhang zwischen gesprochener
und geschriebener Sprache deutlich gemacht werden um so
darzustellen, wie man sich mit der Anlauttabelle die Buchstaben
herauserarbeiten kann, die man zum Schreiben braucht. Dabei muss
klar sein, dass die Kinder auch die abgebildeten Gegenstände
korrekt benennen können, sonst hilft ihnen die Tabelle nichts.
„Am besten ist es, mit ihnen eine eigene “wachsende
Anlauttabelle” herzustellen, in die sie die selbst ausgesuchten
Abbildungen kleben oder malen können, damit ihnen die Verknüpfung
leichter gelingt. Auch wenn manche Kinder lange brauchen, bis sie es
können - das lauttreue Verschriften bietet die Gewähr dafür, dass
sie grundsätzlich verstanden haben, wie unsere Schrift funktioniert
– dies ist das unentbehrliche Fundament für alles Weitere beim
Rechtschreiblernen.“
Bevor
sie aber eine solche Könnerschaft erlangen, zeigen sie beim
Schreiben der gleichen Wörter zu unterschiedlichen Zeitpunkten,
dass ihnen viele verschiedene Varianten zur Verfügung stehen, die
sie in ihrer Mannigfaltigkeit oft auch beanspruchen. Ein sehr gutes
Beispiel liefert hier Peter May, der über vier Jahre hinweg 400 Schüler/innen
von der ersten bis zur vierten Klasse jedes halbe Jahr dieselben Wörter
diktierte. Eines der Wörter war unter anderem das für viele sehr
schwierig zu schreibende Wort „Fahrrad“.
„Hier die
Ergebnisse, aufgeschlüsselt nach fünf Leistungsgruppen ( die
Schreibungen in den Kästchen gelten nicht für alle Kinder der
jeweiligen Gruppe zum betreffenden Zeitpunkt, aber sie werden –
bei einer Nennung – von mehr als der Hälfte verwendet, bei zwei
Nennungen sind es die mehrheitlich geschriebenen Formen).

Erika Brinkmann: Zum Verhältnis von Instruktion und
Konstruktion, Üben und Verstehen beim Rechtschreiblernen
Doch was ist nun aus seinen Ergebnissen
sichtlich geworden?
-
Zunächst fällt auf, dass die Schreibstrategien der Kinder nicht zufällig
streuen. Die Kinder müssen also zunächst grundlegende Erkenntnisse im
Schriftspracherwerb sich zueignen; damit sind Fehler Ausdruck von
Orientierungsleistungen.
-
es wird deutlich, dass Kinder –am Beispiel „Fahrrad“-
Wörter durch eigene Konstruktionen nach ihren Regeln erlernen, da die
Schreibungen des Wortes nicht von falsch zu richtig kippen. „Diese
„typischen Schreibungen“ illustrieren den jeweiligen
Entwicklungsstand im Rechtschreiben und die große Bandbreite der
schriftsprachlichen Fähigkeiten.“
- Weiter häufen sich bestimmte
Schreibstrategien in den jeweils unterschiedlichen Gruppen. Somit
lässt sich Entwicklung als planmäßiger Wandel kognitiver Strategien
beschreiben.
-
eine weitere Beobachtung folgt aus dem Vergleich der Gruppen
untereinander: Die beschriebene Entwicklungsfolge gilt für alle Gruppen
– sowohl für die leistungsschwachen, wie für die leistungsstarken
Kinder.
-
schließlich wird deutlich, dass sich keine erheblichen Unterschiede
zwischen den einzelnen Gruppen erkennen lassen, wann im Unterricht das
Wort geübt worden ist. Es gibt also keinen direkten Zusammenhang
zwischen Lehren und Lernen.
C.
Resümee
Es
ist mir nun bewusst geworden, welch große Bandbreite an
unterschiedlichsten Erfahrungen und Leistungsmöglichkeiten mich als zukünftiger
Grundschullehrer in einem ersten Schuljahr heutzutage erwarten wird.
Während
einige der Schüler schon ihren Namen schreiben und bereits ein Verhältnis
zwischen Lauten und Schriftzeichen- also Buchstaben- herstellen können,
haben andere noch große Schwierigkeiten in ihrer Feinmotorik und Übertragung
und sind somit noch weit davon entfernt, ihren Namen schreiben zu können.
Des
Weiteren spielen Lernweise und –tempo eine entscheidende Rolle. Einige
Kinder nehmen das Erlernte schnell auf, erfassen das Problem, koppeln
diverse Informationen und begeben sich selbstständig auf die Suche nach
Lösungen. Andere dagegen scheitern bereits an der Reproduktion des
Stoffes und bedürfen mehrerer Erläuterungen und Veranschaulichungen,
um die Problematik überhaupt einzusehen. „Der Gebrauchswert der
Schriftsprache ist zugleich auch eine starke Motivation, sich überhaupt
auf dieses Medium einzulassen. Manche Schulanfänger haben gar keine
Lust, lesen und schreiben zu lernen, was auch daran liegen kann, dass
konkrete Vorstellungen über den Nutzen fehlen.“
Sowohl
ihr Entwicklungsstand und bisherige Kenntnisse als auch individuelle
Lernweise sind Aspekte, die für das Unterrichtskonzept unerlässlich
sind. Die Voraussetzungen der Kinder sind oftmals so grundverschieden,
dass es unmöglich ist zu pauschalisieren und Aufgaben und
Unterricht für alle gleich zu gestalten. Vielmehr müssen
Schwierigkeiten bzw. Begabungen mittels spezieller Konzepte behoben bzw.
gefördert werden. Ungenügend entwickelte oder falsch angewendete
Konzepte behindern den Lernvorgang und insbesondere den
Schriftspracherwerb maßgeblich, da sie zu Missverständnissen oder
sogar Unverständnis führen, die sich als kognitive oder auch
motivationale Barrieren auswirken können. Für mich als angehende
Lehrkraft ist es deshalb sehr wichtig auf die Kinder zu achten und ihre
Lernentwicklung genau zu beobachten. Denn solche
Lernprozessbeobachtungen geben meiner Meinung nach deutlichen Aufschluss
über die Entwicklung schriftsprachlicher Fähigleiten. Somit brauche
ich mir nun nicht mehr so viele Sorgen über Fehler eines Kindes zu
machen. Sie sind vielmehr eine lernspezifische Notwendigkeit.
Auch
Interessen müssen in sie mit einfließen. Für den Schüler
interessante und beliebte Themen wirken sich motivierend aus, während
Langeweile sowie Über- aber auch Unterforderung Frust und Abneigung zur
Folge haben und jeglichem Fortschritt im Lernen hinderlich sind und
somit eine Lese- Rechtschreibschwäche zur Folge haben können.
Insgesamt
lässt sich sagen, dass der Unterricht, um ihren Fähigkeiten gerecht zu
werden und sie angemessen zu fördern, so individuell sein muss wie die
Kinder selber.
KOMMENTARE
DANKE: SUPER!!
(28.03.2005, 15:03 Uhr)
karin: ich wusste es gibt gar keine Legasthenie! Die sind alle nur etwas ..naja..zurückgeblieben, oder?!
(29.03.2005, 20:37 Uhr)
R.J.: Wie wäre es, Legasthenie einfach als "Konstrukt" zu verstehen? Ich meine, es hilft natürlich vielen Leuten,diesen Begriff zu verwenden (Therapeuten,Verlagen,Eltern und manchmal den Kindern selbst). Für mich gibt es Legasthenie auch nicht, da jeder die Phasen des Schriftsprachlichen Erwerbsprozesses durchmacht und eine vermeitliche "Legasthenie" zeigt, auf welchem Stand Menschen in ihrem Entwicklungsprozess sind!
(06.04.2005, 13:12 Uhr)
Erika Brinkmann: Auch ich sehe das so.
Mir LRS wird jede Menge Geld verdient; daher gehört der begriff eher in die Wirtschaft - wie auch ADS bzw. RITALIN- Kinder..
Es ist nunmal so, dass Kinder die verschiedenen Schriftstadien nicht zur gleichen Zeit durchlaufen; dann wäre es auch vorbei mir der Heterogenität!
Nein, so wie es ist ist es schon gut so; außerdem wären doch Deutschlehrer dann überflüssig :-)
gruß Erika
(07.04.2005, 17:37 Uhr)
Anonym: warum gibt es menschen die nicht lesen können; ich kann doch sogar lesen; das verstehe ich nicht!
(15.05.2005, 17:56 Uhr)
leser: frag sie doch mal. Aber antworten werden diese Leute hier wohl nich *lach*
(31.01.2006, 18:34 Uhr)
dido: Als Mutter eines Kindes mit Legasthenie kann ich Ihnen zustimmen. Mein Sohn wiederholt die 2. Kl. und weist das beschriebene Verhalten auf. Aber seine Lehrerin ,die eigentlich bei 15 jahre 2.klassen sehr erfahren ist, ist es trotz der geringen Klassenstärke (18 Kinder) nicht möglich gesondert auf ihn einzugehen. Sie empfiehlt mir sogar das Kind auf eine Sprachheilschule zu schicken. Mir graust wirklch vor jedem Kontakt
mit der Schule weil ich immer nur zu hören bekomm, wie weit mein Sohn doch zurückliege und dass dies alles so schwierig für sie sei. Für meinen Sohn ist natürlich alle was mit lesen und schreiben zusammenhängt natürlich schrecklich. Er wendet ein vielfaches an Zeit fürs lerne als seine Mitschüler auf, und hat nur sehr langsam Erfolg (legasthenietraining, lrs-Kurs...).
Die Deutschstunde in der Schule kommt mir für ihn wirklich oft überflüsig vor.
(18.11.2008, 17:47 Uhr)
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Literaturverzeichnis
Brinkmann,
Erika: Alle Kinder sind Legastheniker – Ein Beitrag zu einem längst
überflüssig geglaubten Diskurs, aus: Lernchancen 9/1999
Brinkmann,
Erika: Zum Verhältnis von Instruktion und Konstruktion, Üben und
Verstehen beim Rechtschreiblernen, aus: http://www.uni-siegen.de/~agprim
BRÜGELMANN,
Hans: Kinder auf dem Weg zur Schrift. Eine Fibel für Lehrer und Laien.
8. Auflage. Bottinghofen (CH): Libelle 1994.
Richter,
Sigrun / Brügelmann, Hans (Hrsg.): Wie wir recht schreiben lernen. Der
Schulanfang ist keine Stunde Null. Schrifterfahrungen, die Kinder in die
Schule mitbringen. Lengwil:
Libelle 1994, S. 62- 67
Rüdiger
Urbaneck: LRS Vorbeugen, Die Lernausgangslage der Kinder berücksichtigen.
Aus: Lernchancen 9/1999
von
Wedel- Wolff, Annegret: Förderung von Kindern mit
Rechtschreibschwierigkeiten, aus: Praxis Grundschule 4/2000
Wiater,
Werner: Lesen und Schreiben: schwach, aus: Lernchancen 9/1999