Fachbereich 1

 

Politikwissenschaft

  

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Vertiefung zum Seminar

 

 Einwanderungsland Deutschland

im WS 2001/02

 Thema:

 

„Ausländerkriminalität“ – Vorurteile, Missverständnisse, Fakten

  

   I. Einleitung:

„Deutschland ist kein Einwanderungsland!“ Immer wieder ist dieser Satz in der Vergangenheit von politischer Seite vorgetragen worden. Doch die Wiederholung hat ihn nicht richtiger gemacht. In den Zeiten der konjunkturell bedingten Anwerbung von Arbeitsmigranten in der 60er und 70er Jahren hat sich in Politik und Gesellschaft die Illusion verfestigt, dass man Zuwanderer einfach wieder heimschicken könne.

Was viele Bevölkerungs- und Sozialwissenschaftler schon seit langem wussten, spricht sich nach und nach auch in den politischen Eliten herum: Deutschland ist ein Einwanderungsland des modernen Typs. Die Prognosen der Demografen lassen erwarten, dass sich das multi- ethnische Segment der deutschen Sozialstruktur in den nächsten 3 Jahrzehnten in etwa verdoppeln und von derzeit einem Zehntel auf ca. ein Fünftel der Bevölkerung anwachsen wird.[1]

Durch den zahlenmäßigen Anstieg der in Deutschland lebenden ethnischen Minderheiten steht die deutsche Bevölkerungsmehrheit vor einer Herausforderung für einen „fairständnisvollen“ Umgang, sowie um Integrationsbarrieren beiseite zu räumen.

Im Mittelpunkt meines Beitrages steht die Gesetzestreue der Arbeitsmigranten und ihrer Familien. Für diese Schwerpunktsetzung gibt es im wesentlichen 3 Gründe:

 

1.     Mit ca. 6 Millionen sind die Arbeitsmigranten die Kerngruppe der in Deutschland lebenden ethnischen Minderheiten und machen somit etwa vier Fünftel aller „Ausländer“ aus und müssen daher im Zentrum zukünftiger Integrationsbemühungen stehen.

2.     In der deutschen Öffentlichkeit kursieren viele Missverständnisse und Vorurteile über die so angeblich hohe „Ausländerkriminalität“, die ihre Eingliederung in das Zuwanderland erheblich erschweren.

3.     Die Problematik der Gesetzestreue  von Arbeitsmigranten ist erheblich besser erforscht

 

Das Problem der Gesetzestreue der ethnischen Minderheiten wird in Deutschland unter dem Schlagwort der Ausländerkriminalität diskutiert. Doch die Art und Weise wie dieser Diskurs in den letzten Jahrzehnten in der Öffentlichkeit behandelt wurde hat der notwendigen Integration geschadet, da er Vorurteile enthält und Missverständnisse produziert.

Das  Bild vom kriminellen Gastarbeiter ist in Deutschland weit verbreitet, obwohl auszuschließen ist, dass dieses Bild auf persönlichen Erfahrungen als Opfer einer Straftat zurückzuführen ist. Dennoch sehen viele die „Ausländerkriminalität“ als das Hauptproblem der inneren Sicherheit an, obwohl nur relativ wenige Menschen Opfer von kriminellen Handlungen nichtdeutscher Täter oder gar Opfer einer Straftat von Arbeitsmigranten werden. Fast völlig auszuschließen ist eine solche Opferbefragung in den neuen Ländern, wo man Angehörige von ethnischen Minderheiten fast mit der Lupe suchen muss; nicht einmal 2% der in Ostdeutschland lebenden Bevölkerung sind keine Deutschen.[2] In einer repräsentativen Umfrage in den neuen Bundesländern im Jahr 1996 wurden „Ausländer“ für deutlich krimineller gehalten als Deutsche. Es wurde gefragt, ob die in Deutschland lebenden „Ausländer“ häufiger Straftaten begehen als die Deutschen. Das Ergebnis ist erschreckend. Ostdeutsche stimmten dieser Frage zu 50% zu, 27% verneinten die Frage. 24% wussten nicht so recht und stimmten unentschieden bzw. wussten nicht so recht Bescheid, ob Ausländer krimineller sind.

In Westdeutschland sieht die Statistik etwas besser aus. Immerhin 43% stimmten der Frage nicht zu, während 36% glaubten, dass „Ausländer“ krimineller sind als Deutsche. Doch auch in Westdeutschland stimmten der Frage 22% der Befragten mit unentschieden zu. Entsprechen diese Vorstellungen der Realität? Sind Arbeitsmigranten stärker kriminell belastet als Deutsche?

Eine sozialwissenschaftliche Antwort auf diese einfach klingende Frage ist jedoch kompliziert, denn die „Verbrechensrealität“ ist nur schwer zu erfassen.

Was für Statistiken im allgemeinen gilt, gilt besonders für Kriminalstatistiken; ihre Zahlen müssen mit großer Sorgfalt betrachtet werden.

Doch die in Deutschland übliche Darstellung der Kriminalstatistiken verführt zu einem leichtfertigen Umgang mit ihren Angaben und zur gefährlichen Legendenbildung zum Thema „Ausländerkriminalität“.

Sie sind ungenau und irreführend, weil die Kriminalämter in ihren Statistiken nicht die tatsächliche Kriminalität erfassen, sondern lediglich diejenigen Handlungen registrieren, die von Polizeibeamten einer Straftat verdächtigt werden. Dieser polizeiliche Verdacht wurde 1992 jedoch nur im knapp einem Drittel durch ein Gericht bestätigt.  So verdächtigte die Polizei im Jahre 1990 1, 38 Millionen Personeneiner oder auch mehrerer Straftaten, aber nur 434.000 Personen wurden rechtskräftig verurteilt. 1997 lag der „Ausländeranteil“ unter den Tatverdächtigen bei 28, 5%, unter den Verurteilten war er mit 26, 5% etwas niedriger.[3] Zahlreiche Inhaltsanalysen kommen zu dem übereinstimmenden Ergebnis, dass viele Zeitungen ein Zerrbild des „bedrohlichen Ausländers“ zeichnen, dessen dominierende Kontur der „kriminelle Ausländer“ ist. 

Auch mehr als 10 Jahre später haben nur wenige Medien dazu gelernt und betreiben weiter Hetze gegen Ausländer. So schreibt z. B. BILD am 29. Dezember 2007 unter der Schlagzeile „22% aller Häftlinge sind Ausländer“: „Insgesamt 7,3 Millionen Ausländer leben in Deutschland (Stand Ende 2006), das sind knapp neun Prozent der Gesamtbevölkerung. Von rund 65 000 Gefängnisinsassen in Deutschland (März 2006) waren 22 Prozent Ausländer“. Und auch im SPIEGEL (Nr. 2, 7. Januar 2008, S. 29) werden die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik- ( Vgl. Geißler 1999 und 2000, Ruhrmann/Demren 2000, Jäger 2000, Spindler 2003, Müller 2005) (PKS)2 mit der Bevölkerungsstatistik vergleichend gegenübergestellt: In einer Grafik wird dem Leser gezeigt, dass Nichtdeutsche mit 24,8% an der Gewaltkriminalität beteiligt sind, obwohl sie nur 8,8% der Bevölkerung ausmachen. Zahlen dieses Typs suggerieren, dass Migranten erheblich häufiger kriminell werden als Deutsche.

Pauschale Zahlen dieser Art werden immer wieder mit großem Public Relations- Aufwand auf einer Pressekonferenz vor laufender Kamera präsentiert.

Dabei wird jedoch leider oft vergessen, dass hinter Statistiken immer Menschen stehen und die quantitativen, nackten Zahlen lediglich einen Teil der Wirklichkeit darstellen. Daher möchte ich im Folgenden die PKS des Jahres 1992, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ interpretieren um die Verzerrungen zu Lasten der Ausländer zu korrigieren. 

 

II .Der statistische Kern:

ein Vergleich von Aepfeln und sauren Gurken

Auch die PKS ( Polizeiliche Kriminalstatistik) wird alle Jahre wieder mit pauschalen Zahlen zur „Ausländerkriminalität“ in Deutschland veröffentlicht. Doch den harten Kern dieser Statistik machen lediglich 2 miteinander gegenübergestellte Eckdaten aus, obwohl sie eigentlich nicht miteinander vergleichbar sind. Zum einen wird der „Ausländeranteil“ unter den Tatverdächtigen (1992 gut 32%) und der „Ausländeranteil“ an der Bevölkerung miteinander verglichen. Diese Gegenüberstellung suggeriert, dass die Kriminalitätsbelastung drei Mal so hoch ist wie diejenige der Deutschen. Sind Ausländer also erheblich krimineller als Deutsche? Werden „Ausländer“ etwa doppelt oder dreimal so häufig kriminell wie Deutsche?

Ich möchte nun in mehreren Schritten mit einem  „Reinigungsverfahrens“ anhand PKS zeigen, dass die große Masse der in Deutschland lebenden Arbeitsmigranten jedoch genauso gesetzestreu wie Deutsche und sogar noch gesetzestreuer  als Deutsche in ähnlicher Soziallage bzw. mit ähnlichem Sozialprofil sind.  

Ausgangspunkt des Reinigungsverfahrens sind die bereits erwähnten Eckwerte des unzulässigen Vergleichs: Ausländer, die 1992 lediglich 10% der Bevölkerung (9% der Wohnbevölkerung) ausmachten, sind unter den „Straftätern“ der PKS des Jahres 1992 mit 32, 2% vertreten.[4]

 

Stufe 1: Ausländerspezifische Delikte:  ( Delikte, die Deutsche in der Regel gar nicht begehen können) 

Die erste Stufe ist die einfachste, einleuchtendste und daher die bekannteste Korrektur des „Ausländeranteils. Die besteht darin, die ausländerspezifischen Delikte auszuklammern. Etwa ein Viertel der Ausländer hat sich ausschließlich Verstöße gegen das Ausländer oder Asylverfahrensgesetz zuschulden kommen lassen. Dass Tatverdächtige ohne deutsche Staatsangehörigkeit bei Straftaten nach Ausländer- und Asylverfahrensgesetz und auch bei Urkundenfälschung besonders hohe Anteile ausweisen, hängt mit den Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen zusammen. So können Deutsche z. B. nur in sehr seltenen Fällen gegen Einreise- bzw. Aufenthaltsbestimmungen verstoßen. Bereinigt man also die Statistik um diese Verstöße, dann reduziert sich der Ausländeranteil von 32, 2 auf 26, 8%

  

Stufe 2: „Touristenkriminalität  

Auch das Reinigungsverfahren der zweiten Stufe ist leicht nachzuvollziehen; die erforderlichen Angaben sind in der PKS vorhanden, werden jedoch nicht genutzt um die Daten zur Ausländerkriminalität selbst zu bereinigen.

Ein Teil der ausländischen Tatverdächtigen, Verurteilten oder Häftlinge sind nämlich in der Bevölkerungsstatistik gar nicht erfasst- z. B. Touristen/Durchreisende, Angehörige der Stationierungsstreitkräfte oder auch hier illegal lebende Menschen; sind jedoch in der Polizeistatistik sind diese Gruppen von Ausländern jedoch registriert. Die Basis der PKS ist also im Hinblick auf die Ausländer größer als die Basis der Bevölkerung. Um beide Statistiken miteinander vergleichbar zu machen, müssen also die entsprechenden Gruppen aus den Zahlen der PKS herausgenommen werden.

Klammer man diese Gruppen, die ca. 14% der Tatverdächtigen (ohne ausländerspezifischen Delikte) ausmachen, dann verringert sich der Ausländeranteil auf 24 Prozent.

 

Stufe 3: Kriminalität der Asylbewerber ( hauptsächlich Bagatellkriminalität) 

Es ist zwar statistisch einfach alle Ausländer in einem Topf zu werfen und es sich somit  möglichst leicht zu machen zwischen Deutschen und Nichtdeutschen zu unterscheiden, aber aus der Sicht der Sozialwissenschaften, der Migrationsforschung und der Kriminologie, d.h. zum Zweck der Verbrechensbekämpfung, ist diese Kategorisierung äußerst problematisch und unsinnig. Kriminologisch bestehen in zwischen den verschiedenen Gruppen von Ausländern gravierende Unterschiede.

Zum einen werden eingebürgerte Migranten sowie Migranten mit doppelter Staatbürgerschaft zur ansässigen Bevölkerung gezählt.

Andererseits werden  unter der Pauschalkategorie „Ausländer“ subsumiert, die sich im Hinblick auf ihre Lebensbedingungen grundlegend unterscheiden.

So leben z.B. die Asylsuchenden und die ausländische Wohnbevölkerung in völlig unterschiedlichen sozialen und psychischen Situationen und sind daher völlig unterschiedlichen Zwängen und Verlockungen zu kriminellen Handlungen sowie auch unterschiedlichen Gefahren der Verdächtigung, Stigmatisierung und Kriminalisierung ausgesetzt.

Die in Deutschland lebenden Arbeitsmigranten und ihre Familien sind mehr oder weniger in die deutsche Gesellschaft teilintegriert, verfügen in der Regel über Arbeit, Einkommen und eigene Wohnung. Weiter leben sie mit ihren Familien und haben Freunde und Bekannte. Durch diese Einbindung in das deutsche Netz der sozialen Sicherheit genießen sie ähnliche soziale Sicherheiten wie die deutsche Bevölkerung; ihr Leben läuft mit einer persönlichen und sozialen Perspektive ab.

Völlig anders stellen sich die Lebensbedingungen der Asylbewerber dar. Sie sind in der Regel ohne Arbeit, ohne eigens Einkommen, von Sachleistungen der Behörden, günstigenfalls von Sozialhilfe abhängig. Sie hausen in Notunterkünften, in Wohncontainern, auf Schiffen, in Turnhallen usw.; meist zusammengedrängt mit ihnen völlig fremden Menschen, die häufig anderer Nationalität sind und eine andere Sprache sprechen. Sie wurden meist aus ihrer Umgebung durch Armut oder Krieg vertrieben, häufig wurden sie dabei von ihren Familien getrennt. In einer ihren völlig fremden Gesellschaft und Kultur leben sie ohne Sicherheiten, ohne konkrete Perspektiven und mit der drohenden Abschiebung im Rücken. Sie leiden also unter sehr hohen Belastungen und einer extremen sozialen und psychischen Notsituation. Diese Unterschiede in den Lebensumständen wirken sich erheblich auf die Gesetzestreue bzw. die Kriminalität aus.

Also bei sehr oberflächlicher Betrachtungsweise haben Asylbewerber und die ausländische Wohnbevölkerung nur ein Gemeinsames: Sie verfügen nicht über die deutsche Staatsangehörigkeit. Aber dieses Gemeinsame ist soziologisch und kriminologisch nahezu bedeutungslos, weil es eben nichts über die Soziallage dieser Menschen und den damit verknüpften Verhaltensweisen aussagt. Das Kriterium der fehlenden deutschen Staatsangehörigkeit verdeckt statt dessen wichtige soziale und kriminologisch relevante Unterschiede.

Im Hinblick auf ihre sozio- psychische Situation steht die ausländische Wohnbevölkerung den Deutschen also erheblich näher als den Asylbewerbern.

Da die Kriminalität der Asylbewerber einen Sonderfall darstellt- sie geraten hauptsächlich in den Verdacht, neben  ausländerspezifischen Delikten einfache Diebstähle, besonders Warenhausdiebstähle begangen zu haben[5]; ein typisches Bagatelldelikt und ein Notdelikt – vergleiche ich die deutsche Wohnbevölkerung nur mit der ausländischen Wohnbevölkerung. Dadurch verringert sich der Ausländeranteil unter den Tatverdächtigen auf 16, 9%; somit hat sich der Prozentsatz im Vergleich zu dem hohen Ausgangswert fast halbiert.

 

 Stufe 4) Falscher oder übertriebener Tatverdacht  

 Bei dieser Reinigungsstufe geht es darum, dass bei der Interpretation der Statistiken auch der ethnisch selektive Anzeigeeffekt  mitberücksichtigt werden muss, da er die Ausländerteile unter den Tatverdächtigen erhöht. Es ist zwar nicht in allen Einzelheiten empirisch exakt nachweisbar, doch gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Ausländer häufiger als Deutsche unter falschen bzw. übertriebenen Tatverdacht geraten und auch häufiger angezeigt werden. Dennoch wird immer wieder festgestellt, dass tatverdächtige Ausländer seltener rechtskräftig verurteilt werden als Deutsche. 1989 lagen die Verurteiltenquoten unter Deutschen bei 34, 4 Prozent, unter Ausländer aber nur bei 29, 5 Prozent.[6] Zwei neue Dunkelfeldstudien belegen, dass bei der Strafverfolgung ethnische Selektionseffekte zugunsten der Deutschen und zu Lasten der ethnischen Minderheiten existieren. Straftaten von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien werden bei der Polizei häufiger angezeigt und registriert als Straftaten von jungen Deutschen.[7] Berücksichtigt man also die Unterschiede zwischen Tatverdacht und Verurteilung, reduziert sich der Ausländeranteil unter den „Kriminellen“ auf rechnerisch 15 Prozent; verglichen mit den anderen Stufen ist dieser Anteil jedoch nur gering.

 

Stufen 5-8 Sozialstrukturelle Verzerrungen zu Lasten der Ausländer  

Bei diesem Korrekturverfahren ist zunächst wichtig zu sagen, dass die errechneten Werte keine realen, sondern fiktive Werte sind. Dennoch lassen sie hier lebenden „Ausländer“ in einem völlig anderen Licht erscheinen und sind für einen angemessenen Vergleich von Deutschen und Ausländern unabdingbar.

Das kriminologische Problem entsteht aus dem  bekannten Phänomen, dass die ausländische Wohnbevölkerung sozialstrukturell anders zusammengesetzt ist als die deutsche Wohnbevölkerung. Unter den Ausländern gibt es mehr Männer, mehr Großstadtbewohner, mehr jüngere Menschen und erheblich mehr Unterschichtangehörige. Dies sind alles Faktoren, die deutlich mit der Polizeiauffälligkeit zu tun haben. Männer sind erheblich krimineller belastet als Frauen, junge Menschen mehr als alte, Großstadtbewohner höher als Landbewohner, schlecht Ausgebildete höher als Hochqualifizierte, Statusniedrigere höher als Statushohe.

Für einen gerechten Vergleich müssen diese sozialstrukturellen Verzerrungen bereinigt werden. Dies ist möglich, indem man die Kriminalitätsbelastung einer Vergleichsgruppe von Ausländern berechnet, die im Hinblick auf Geschlecht, Alter, Wohnort und Schichtzugehörigkeit der deutschen Wohnbevölkerung entspricht. Ergebnisse ergaben, dass der Geschlechtereffekt(also überhöhter Männeranteil) die Kriminalitätsbelastung um 9%, der Regionaleffekt um 12% und der Alterseffekt mit 33%. Am dramatischsten wirkt sich jedoch der Schichteffekt auf die Kriminalität aus. Die Mehrheit der Tatverdächtigen (zw.52-56%) oder Verurteilten stammten aus der Schicht der Un- und Angelernten. Von den deutschen Erwerbstätigen gehörten 1989 nur 16% dieser Schicht an; aber 64% der ausländischen Erwerbstätigen. Durch diese schichtspezifischen Verzerrungen erhöht sich die Kriminalitätsbelastung der Ausländer um 129%

Bei einer Gruppe von Ausländern mit deutschem Sozialprofil muss diese Kriminalitätsbelastung um diesen Wert reduziert werden. Dadurch verringert sich der Ausländeranteil von 15% auf höchstens 6%.

Zwar lassen sich diese Einzeleffekte nicht einfach aufaddieren da sie miteinander verknüpft sind, doch es wird deutlich, dass wegen der Unterschiede im Sozialprofil die kriminelle Belastung der Arbeitsmigranten  erheblich über derjenigen der deutschen Bevölkerung liegen. Da Arbeitsmigranten jedoch nicht häufiger als Tatverdächtige registriert werden als Deutsche ergibt sich:

 Die Gefahr, dass eine kriminelle Handlung begangen wird, ist unter Arbeitsmigranten in vergleichbarer Soziallage keinesfalls größer als unter Deutschen, sie ist auch nicht gleich groß, sondern sie ist deutlich niedriger als unter Deutschen.

 

PKS- Reinigungsverfahren zur Feststellung der tatsächlichen Kriminalität von

 in Deutschland lebenden Ausländern ( Datenbasis: alte Länder 1992)

 

Ausgangsdaten

 

Ausländeranteil an der Bevölkerung (bzw. Wohnbevölkerung)

 In Prozent

10 (bzw. 9)

 

Ausländeranteil an den Tatverdächtigen

 32, 2

Reinigungsverfahren

Verbleibender

Ausländeranteil

Stufe 1:

 

 

 

Stufe 2:

 

 

 

Stufe 3:

 

 

 

Stufe 4:

 

Spezifische Ausländerdelikte

( Verstöße gegen das Ausländergesetz/Asylverfahrensgesetz

 

„Touristenkriminalität“(einschließlich Illegale, Stationierungskräfte, soweit nicht in Stufe 1 erfasst

 

Kriminalität der Asylbewerber (hauptsächlich Bagatellkriminaliät, soweit nicht in Stufe 1 erfasst

 

Falscher/übertriebener Tatverdacht

 

26, 8

 

 

24, 0

 

 

 

16, 9

 

 

 

15, 0

 

Erhöhung der Kriminalitätsbelastung

 durch

..um (in Prozent)

 

 

Stufe 5:

 

Stufe6:

 

Stufe 7:

 

Stufe 8:

Geschlechtereffekt

 

Regionaleffekt

 

Alterseffekt

 

Schichteffekt

 9

 

12

 

33

 

129

Stufen 5-8

Reduzierung der Kriminalitätsbelastung auf Basis eines „errechneten Wertes“ nach den Stufen 5-8

 

 

< 6

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 











Quelle: Berechnungen nach Geißler auf Basis der Daten der PKS (Tatverdächtige) und des statistischen Bundesamtes (Verurteilte, Strukturdaten der Bevölkerung) für die alten Bundesländer im Jahr 1992. (Die neuen Bundesländer wurden wegen ihrer Sondersituation im Hinblick auf Ausländer und umbruchsbedingte Kriminalitätsentwicklung nicht berücksichtigt.

 

III. Theoretische Konsequenzen: Verminderung der Kriminalitätsrate durch höhere Anpassungsbereitschaft der Ausländer  

Die Betrachtung des Sozialprofils trägt nicht nur zu einem angemesseneren Vergleich der Kriminalität von Arbeitsmigranten bei, sondern hat auch wichtige theoretische Konsequenzen für den Zusammenhang von Migration und Kriminalität. In der Regel wird in Deutschland davon ausgegangen, dass Migration die kriminelle Belastung erhöhe, und es wird nach Ursachen für die (angeblich) hohe Ausländerkriminalität gefragt. Aus der bisherigen Argumentation wird jedoch deutlich, dass bei den Arbeitsmigranten der Migrationseffekt nicht in höherer Kriminalität, sondern sich in höherer Gesetztestreue niederschlägt. Auf relative strukturelle Benachteiligung                                 ( „Unterschichtung“) reagieren Arbeitsmigranten deutlich seltener mit krimineller Abweichung als benachteiligte Deutsche Schichten. Hierfür gibt es eine logische Erklärung.

Die Migrationssoziologie hat empirisch nachgewiesen, dass Einwanderer stärker bereit sind, sich an die Gesetze des Gastlandes zu halten. Mit steigender Aufenthaltsdauer nähert sich dann die Kriminalitätsbelastung der einheimischen Bevölkerung. Daher ist die zweite Migrantengeneration verglichen mit ihren Eltern höher belastet.

Diese Anpassungshypothese lässt aber noch eine weitere Überlegung zu: Ohne ausländische Wohnbevölkerung wäre die Kriminalität in Deutschland nicht niedriger, sondern höher.

„Die deutsche Gesellschaft der großen Mehrheit der ausländischen Arbeitnehmer die unteren Positionen ihrer sozialen Hierarchie zugewiesen und somit gleichzeitig der deutschen Unterschicht den kollektiven Aufstieg ermöglicht.“[8]  Somit wäre die deutsche Unterschicht ohne Ausländer umfangreicher und die Positionen der Un- und Angelernten, in denen ca. zwei Drittel der Ausländer arbeiten, wären ausschließlich von Deutschen besetzt. Mit dem Einrücken in die unteren Ränge der deutschen Gesellschaft übernehmen die Arbeitsmigranten auch die damit verbundenen Schattenseiten: Unqualifizierte, häufig besonders schwere und schmutzige Arbeiten, niedrige Einkommen, niedriges Sozialprestige, schlechte Bildungschancen, besondere gesundheitliche Risiken und nicht zuletzt einen besonderen sozialstrukturellen Druck zum Verstoß gegen die Gesetzte.

Daraus ergibt sich folgende Schlussfolgerung: Ausländische Arbeitnehmer arrangieren sich mit den Benachteiligungen die mit der Zugehörigkeit zur Unterschicht verknüpft sind, besser als Deutsche und neigen weniger dazu, die mit ihrer Mangellage verbundenen Probleme durch Straftaten zu lösen, da sie unter ähnlich benachteiligten Lebensumständen seltener kriminell werden als Deutsche. Durch die Unterschichtung der Gesellschaft mit Ausländern wird die Kriminalitätsrate also nicht erhöht, sondern vermindert.

 

Resümee   

Als grobes Resümee lässt sich festhalten, dass auf die Frage ob „Ausländer“ krimineller sind als Deutsche es unerlässlich ist, verschiedene Gruppen von „Ausländern“ und verschieden Aspekte von „Ausländerkriminalität“ voneinander zu trennen.

 

Die Kerngruppe des wachsenden multi- ethnischen Segments- die Arbeitsmigranten- verhalten sich nachweislich in besonderm Maße gesetzestreu. Sie werden nicht häufiger straffällig als Deutsche und halten sich besser an die Gesetze als Deutsche mit ähnlichem Sozialprofil. Ein Teil ihrer Kinder ist jedoch heute stärker kriminell gefährdet als gleichaltrige Deutsche. Bei der Gefährdung der zweiten Generation ist daher insbesondere die Sozial- und Bildungspolitik gefragt um den Abbau von sozialen Abgrenzungen (Armut, Arbeitslosigkeit) der Migrantenfamilien bessere Chancen im Bildungssystem sowie in der Berufsausbildung zu gewährleisten.

 

Die kleine Minderheit der Asylbewerber stellt situationsbedingt durch ihre soziopsychische Notlage eine kriminalistische Problemgruppe dar. Es ist jedoch völlig unzulässig aus ihrem Verhalten allgemeine Rückschlüsse auf die Kriminalität von Migranten zu ziehen, denn es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass anerkannte Asylberechtigte, die aus der vorübergehenden Notsituation befreit wurden, kriminell stärker belastet sind als Arbeitsmigranten oder Deutsche.

Zu einem integrationsfördernden Umgang mit ethnischen Minderheiten gehört als die Reinigung des öffentlichen Diskurses über „Ausländer“ und „Ausländerkriminalität“ von falschen, einseitigen oder missverständlichen Aussagen, Meldungen, Begriffen und Daten, die das Vorurteil vom „kriminellen Gastarbeiter“ begünstigen.



 

 

Literatur:

 

 

BKA (Bundeskriminalamt, Hrsg.): 1992: Polizeiliche Kriminalstatistik 1993. Wiesbaden

 

BKA (Bundeskriminalamt, Hrsg.): 2000: Polizeiliche Kriminalstatistik 1999. Wiesbaden

 

 

Geißler, Rainer 1995: Das Gefährliche Gerücht von der hohen Ausländerkriminalität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 35, S. 30- 39

 

Geißler, Rainer: Sind „Ausländer“ krimineller als Deutsche? Anmerkungen zu einem vielschichtigen Problem; aus: Migration und Soziale Arbeit, Heft 1/2000

 

 



[1] Vgl. Geißler, Rainer: Sind „Ausländer“ krimineller als Deutsche? Anmerkungen zu einem vielschichtigen Problem; Gegenwartskunde 1/2001, S. 27

[2] Vgl. Geißler, Rainer: Der Bedrohliche Ausländer. Zum Zerrbild ethnischer Minderheiten in den Medien und in der Öffentlichkeit.

[3] Quelle: Statistisches Bundesamt 1999, S. 356f.)

[4] vgl. Bundeskriminalamt (Hrsg.), Polizeiliche Kriminalstatistik 1992, Wiesbaden 1993, S. 96

[5]Zu beachten ist, dass bei den Illegalen neun von zehn (91,6 %) der Tatverdächtigen gegen Ausländer- und Asylverfahrensgesetz verstießen...Gegen Asylbewerber wurde außerdem wegen "einfachen" Diebstahls und Betrug relativ oft ermittelt. Gegen nichtdeutsche Arbeitnehmer wurde vor allem wegen "einfachen" Diebstahls, Betrug und Körperverletzung ermittelt. Studenten/Schüler sowie Touristen/Durchreisende wurden am häufigsten verdächtigt, vor allem "einfache" Diebstähle begangen zu haben.“ http://www.bka.de/pks/pks2000/index2.html

[6] Berechnet nach Bundeskriminalamt, S. 96

[7] Vgl. Geißler, Rainer: Sind „Ausländer“ krimineller als Deutsche? Anmerkungen zu einem vielschichtigen Problem; Gegenwartskunde 1/2001, S. 31

[8] Geißler, Rainer 1995: Das Gefährliche Gerücht von der hohen Ausländerkriminalität. S. 38

 

 


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Kommentare (3)

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Thema: PKS
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Pks
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Jan 2017
Pks schreibt...

Sehr vernünfitger Artikel. Sachlich einfach alles richtig was da steht. Deutsche in ähnliche Lage wie Ausländer verhalten sich noch viel asozialer und schlimmer. Dafür kann man sich nur schämen!!

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Hänsjk
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1
1
0
Jan 2017
Hänsjk schreibt...

Endlich mal ein guter Bericht. Ich

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Nyon van Cock
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1
2
0
Jan 2017
First Poster
Nyon van Cock schreibt...

Statistiken sagen eben immer nur die halbe Wahrheit bzw. haben nur einen Teil Wahrheit. Das ist aber nicht jedem bewusst.

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